Ein Zyklus geht zu Ende

Porträt: Miriam Goldschmidt, die in Peter Brooks Welttheatertruppe die Theaterwelt eroberte, inszeniert auf der Darmstädter Mollerhaus-Bühne das Stück ,,Zwei alte Frauchen“

DARMSTADT.

Es war 1968 in Darmstadt, erinnert sich Miriam Goldschmidt: ,,Da fing der Ekel am Stadttheater an.“ Als junge Schauspielerin war sie in der Orangerie bei der deutschsprachigen Erstaufführung von E. E. Cummings ,,Him“ dabei. Der ehemalige Frankfurter Intendant Harry Buckwitz (1904-1987) führte Regie, ein Altmeister, ,,der in einer bestimmten Weise müde war“, entsinnt sich Goldschmidt. Nein, das literarische Theater unter Gerhard F. Hering, das in Stücke hineinlauschte und sie gepflegt ausstellte, war nicht ihr Ding. Und dann dieses ,,Klatschen und Klagen in der Kantine – so langweilig“. Nachdem sie es noch an anderen Häusern versucht hatte, zog Miriam Goldschmidt für sich einen Strich unter dieses ,,tote Theater“.
Jetzt ist die Frau, die Jahrzehnte an Peter Brooks Welttheater mitgewirkt hat, wieder in Darmstadt. Als Regisseurin arbeitet Miriam Goldschmidt in direkter Nachbarschaft des Staatstheaters, auf der Mollerhaus-Bühne, dem Forum der freien Szene. Goldschmidt, die bereits dreimal bei den Wacker-Theatertagen in Mühltal gastierte, inszeniert nun mit dem freien Darmstädter Theater Transit ,,Zwei alte Frauchen“ von Toon Tellegen. Der niederländische Autor hat 44 Geschichten um alte Menschen geschrieben, von denen Ann Dargies und Gudrun Libnau 15, teilweise ineinander verwoben, spielen. Am Samstag (8.) ist die erste Aufführung.

Termine

„Zwei alte Frauchen“ ist am Samstag (8.) und Sonntag (9.) um 20.30 Uhr im Darmstädter Theater Mollerhaus zu sehen. Nach Gastspielen in Ludwigshafen und Marburg soll das Stück nach der Sommerpause dort wieder laufen. Kartentelefon: 06151 26540.

,,Zwei Menschen erinnern sich an die Liebe, das, was da sein könnte und was sie doch schon wieder vergessen haben“, sagt Miriam Goldschmidt. ,,Sie haben ein Bewusstsein für den Tod, die Nähe des Todes beängstigt und beruhigt sie zugleich“, erzählt die Regisseurin und erhebt sich augenrollend vom Tisch, um den empörten Gevatter Tod zu markieren. ,,Da hopst Beckett durch die Gedankenstränge“, sagt sie. Und auch Ingmar Bergman sei mit seinem Kino-Mysterienspiel ,,Das siebente Siegel“ als ,,innere Unterlage“ der Aufführung zu denken.Zwei Wochen nur hat Miriam Goldschmidt für die Inszenierung Zeit und ist doch ganz gelassen. ,,Es ist doch erst Dienstag“, winkt sie ab beim Pressegespräch bei Bratwurst und Tee vor der Transit-Probenbühne auf dem Wacker-Gelände im Mühltal. Ihr Spiel soll wachsen, auch nach der ersten Aufführung noch Form und Fahrt finden. So hat sie es bei Peter Brook gelernt. Es ist ja schon kein kleines Darmstädter Theaterwunder, dass eine so polyglotte Schauspielerin und Regisseurin wie Miriam Goldschmidt in Darmstadts freier Szene arbeitet. Zumal Theater Transit, dem eine Kunstjury gerade besondere Förderungswürdigkeit attestiert hat, durch die kommunale Haushaltskrise finanziell angeschlagen ist, die Jugendsparte aufgeben musste. Doch eben deshalb ist Miriam Goldschmidt da. Ann Dargies, gut vernetzt in der Szene, hatte einen Hilfsrundbrief geschrieben. Miriam Goldschmidt rief daraufhin an, sagte nur: ,,Du Ann, ja, wir machen das.“ Für Kost, Logis – und für die Kunst. Miriam Goldschmidt kann gestenreich und mit blitzendem Blick erzählen, doch wenn es wichtige Entscheidungen zu treffen gibt, dann kann sie wortkarg ganz auf ihre innere Stimme hören.
Legendär ist ihre erste Begegnung mit Peter Brook. Inspiriert von dessen Aufsatzsammlung ,,Der leere Raum“ hatte sie den Ring der Adoptivmutter versetzt und war 1971 nach Paris gefahren, um den Meister zu treffen und zu überzeugen. Ein aussichtsloses Unterfangen, haben sie ihr gesagt. Als Goldschmidt in eine Probe platzte, fragte er, wer sie sei. Sie antwortet: ,,Ich!“. Auf die Frage, was sie suche, war die Antwort: ,,Sie!“ Fortan war sie dabei, probierte mit Brook sämtliche Theaterformen von Shakespeare bis zu indischen Epen aus, bereiste Afrika und den Mittlern Osten, spielte ,,vor Menschen, die keine Ahnung vom Theater hatten. Wir mussten Sinn und Unsinn, von dem was Sprache ist, neu erfinden.“ Man muss sich das wohl als produktive Verunsicherung vorstellen: ,,Am meisten gelernt haben wir, wenn wir Katastrophen ausgelöst haben, die Leute in Scharen weggelaufen sind und wir die Pferde scheu gemacht haben.“ Bei Brooks Multikulti-Truppe war das farbige Adoptivkind einer jüdischen Familie aus Frankfurt endlich nicht mehr der Exot wie an den deutschen Stadttheatern. ,,Das ging mir ganz ordentlich auf den Wecker“, grollt die Frau, deren turbanartiger Kopfputz ein Markenzeichen geworden ist, und schickt ein raues Lachen hinterher, an das sich mit gemütlicher Selbstverständlichkeit hessische Babbelei anschließt. Peter Brook hat ihr die Theaterwelt geöffnet und ihr damit wohl auch geholfen, sich in Deutschland eine Theaterheimat einzurichten. Als sie sich in den Siebzigern vom deutschen Stadttheater abwandte, war es eine Zeit des Übergangs, des Abgangs der alten Patriarchen. Es war der Aufbruch für Theater-Erneuerer wie Brook. Der ist heute 85 und hat die Leitung seines Pariser Theaters 2008 abgegeben. ,,Es gibt in der Kunst immer Zyklen“, sagt Miriam Goldschmidt. ,,Ich habe das Gefühl, dass dieser Zyklus sich nun dem Ende entgegen neigt.“ Doch so, wie Miriam Goldschmidt Theater lebt, muss das kein Ende sein, sondern ein Übergang.Zur Person: Miriam Goldschmidt wächst als Waisenkind in Heimen im Raum Vogelsberg auf. ,,Wenn jemand die Kirschen geklaut hat, dann war ich es“, erinnert sie sich heute an die Vorurteile, die sie als farbiges Mädchen ertragen musste. Adoptiert von jüdischen Eheleuten in Frankfurt, studierte sie von 1966 bis 1968 in Paris Mime und spielte von 1968 bis 1971 bei Regisseuren wie Harry Buckwitz, Peter Zadek, Fritz Kortner und Hans Hollmann in Darmstadt, München und Basel.
Im Jahr 1971 stieß sie zu Peter Brooks Pariser Truppe und ging 1972 mit ihm auf Theatersafari durch Afrika. In den Achtzigern gehörte sie zum Ensemble der Berliner Schaubühne, arbeitete mit Regisseuren wie Peter Stein, Luc Bondy und George Tabori. Beim Festival Wacker-Theatertage im Mühltal gastierte Miriam Goldschmidt bereits mit ,,Der Dybbuk“ (1998), einer Penthesilea-Variation (2000) und Becketts ,,Glückliche Tage“ (2005). Miriam Goldschmidt ist Mutter von zwei Kindern und lebt in Berlin.

Quelle

Darmstädter Echo
http://www.echo-online.de/freizeit/kunst...

Autor

Stefan Benz

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