»Forever auf Gleis 3«: Es fährt ein Zug nach Nirgendwo

Theater – Neun Clowns im Niemandsland: „Forever auf Gleis 3“ auf der Darmstädter Mollerhaus-Bühne

DARMSTADT. Enthusiastischer Applaus belohnte am Freitag die Premiere der Inszenierung „Forever auf Gleis 3“ von Ann Dargies und den Absolventen des Grundkurses ihrer Clownsschule.

Gleis 3 ist ein fataler Ort: Wer auf Fortsetzung der Reise wartet, wartet umsonst. Mitten im Leben ist Endstation. Dies markiert den Rahmen der neuesten Inszenierung von Ann Dargies und den Absolventen eines Grundkurses ihrer Clownsschule. Am Freitag gab’s für die Premiere von „Forever auf Gleis 3“ im Mollerhaus großen Beifall.Die Ernsthaftigkeit der Clowns macht das Publikum lachen. Einen wortreichen Einstieg braucht das Stück der neun Clowns, die auf einem Bahnhof im Niemandsland zusammentreffen, nicht. Worte nach einer Textvorlage von Susan Leichtweiß werden sparsam verwendet, tragen dialogisch bei, Einsichten ins Groteske zu kippen. Musik, erarbeitet mit Volker Ell, bringt Rhythmus in eine Sache, deren Wesen Starrheit ist: Das Warten, das sich ins Unendliche weitet, wird durch ziellose Trippelschritte und tänzelndes Kreisen karikiert. Denn dass nichts geschieht, ist bar jeder Vernunft. Ist unfassbar.

Das Fernweh lässt die Füße jucken
Da balanciert die Mutter eines Kleinkindes den Koffer auf dem Kopf, da bekommt Dickmadam im Dirndl juckende Füße vom Fernweh, der junge Mann, der sich verloren weiß, wirft sich einer dürren, korsettgeschnürten Seele zu Füßen. Er schnieft, die anderen singen „Heul, Boy-boy“, als könnte es in dieser Situation tröstende Wiegenlieder geben. Ob wissend oder ahnungslos: Sie alle warten sinnlos an Gleis 3. Das Publikum lacht, wo die Erkenntnis wie ein Jonglierball hin und her fliegt, am Ende nichts nützen kann: „Auf den Knien ist der Mensch am größten.“ Oder: „Die Ferne ist immer gleich weit weg, das Zuhause die Backstein gewordene Legitimation für Stillstand.“ Regisseurin Ann Dargies, assistiert von Conny Hergenröther, fragt in der Inszenierung nach Weg und Ziel, nach Loslassen oder Abgestelltsein, nach Sinn und Unsinn der Lebensreise. Ihre Clowns antworten mit Irrwitz als Gefangene des Augenblicks. Im engen Kleid stöckelt eine von ihnen pikiert die Bahnsteigkante entlang, als sei es eine Frechheit, sie warten zu lassen. Die Blondbezopfte mit Regenschirm wirkt verstört, kann nicht begreifen, wie ihr geschieht. Die Lady in Grün, deren beste Tage vorüber scheinen, ist mit flackerndem Blick zur Gier bereit: Man nehme, was man kriegen kann. Tragikomisch vergeht Zeit, während der Stillstand dauert. Die Clowns richten sich im Warten ein, ein jeder zurückgeworfen auf sich selbst.

Autor

Charlotte Martin

Quelle

http://www.echo-online.de/freizeit/kunst...

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